Kapital hat wieder einen Preis
Der Kapitalbedarf von Staaten und Unternehmen steigt deutlich, während das Kapitalangebot nur begrenzt zunimmt. Das spricht für höhere Zinsen und verändert die Rahmenbedingungen für Anleger.

Ein neues Gleichgewicht für Kapital
Über viele Jahre war Kapital reichlich verfügbar und entsprechend günstig. Für Staaten, Unternehmen und Anleger wurden günstige Finanzierungskonditionen zur Normalität. Diese Phase war historisch betrachtet jedoch aussergewöhnlich. Inzwischen hat sich das Verhältnis von Kapitalangebot und Kapitalnachfrage verschoben und damit auch das Zinsumfeld verändert.
Der Kapitalbedarf steigt
Der steigende Kapitalbedarf ist besonders bei den öffentlichen Haushalten sichtbar. Viele Industrieländer sind hoch verschuldet und weisen erhebliche Defizite auf. So lag die Staatsverschuldung in den USA im Jahr 2025 bei rund 126 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Gleichzeitig belief sich das Haushaltsdefizit auf 5,8 Prozent des BIP. Getrieben wird diese Entwicklung durch steigende Verteidigungsausgaben, Investitionen in die Infrastruktur, staatliche Förderprogramme, eine alternde Bevölkerung sowie höhere Refinanzierungskosten.
Der höhere Finanzierungsbedarf beschränkt sich jedoch nicht nur auf Staaten, sondern betrifft auch Unternehmen. Ein wichtiger Faktor ist dabei der Ausbau der Infrastruktur für künstliche Intelligenz. Führende Cloud- und Technologiekonzerne dürften 2026 gemeinsam rund 800 Milliarden US-Dollar investieren. Im Zentrum stehen Rechenzentren, Halbleiter, Netzwerktechnik, Kühlsysteme und Stromversorgung. Da dabei auch Infrastruktur und Produktionskapazitäten ausgebaut werden müssen, reicht der zusätzliche Kapitalbedarf weit über den Technologiesektor hinaus.
Parallel dazu erhöht die Neuordnung globaler Lieferketten den Investitionsbedarf. Geopolitische Unsicherheit und nationale Strategien veranlassen Unternehmen dazu, ihre Zulieferer zu diversifizieren, Lagerbestände aufzubauen und Teile ihrer Produktion näher an ihre Absatzmärkte zu verlagern. Solche robusteren Lieferketten erhöhen zwar die Versorgungssicherheit, sind aber auch kapitalintensiver.

Das Kapitalangebot wächst langsamer
Dem steigenden Bedarf steht das verfügbare Kapitalangebot gegenüber. Eine wichtige Quelle sind dabei die Ersparnisse privater Haushalte. In den USA lag die persönliche Sparquote im Juli 2026 bei 3 Prozent des verfügbaren Einkommens. Zwischen 2010 und 2019 lag sie im Durchschnitt bei rund 6 Prozent und damit deutlich höher. Entsprechend stellen private Haushalte weniger zusätzliches Kapital bereit als in früheren Phasen.
Was private Haushalte über Ersparnisse bereitstellen, können Unternehmen in Form von einbehaltenen Gewinnen dem Kapitalmarkt zur Verfügung stellen. Bei grossen Technologieunternehmen fliesst derzeit jedoch ein erheblicher Teil dieser Mittel in eigene Investitionen, insbesondere in den Ausbau der KI-Infrastruktur. Dadurch stehen dem Kapitalmarkt weniger Mittel zur Verfügung. Aufgrund der hohen Investitionen nehmen einige dieser Unternehmen zusätzlich Kapital auf und treten damit selbst verstärkt als Kapitalnachfrager auf.
Neben den inländischen Kapitalquellen haben sich auch die grenzüberschreitenden Kapitalströme deutlich verändert. Besonders sichtbar wird dies am Beispiel Chinas. Die chinesischen Bestände an US-Staatsanleihen erreichten im November 2013 mit rund 1,32 Billionen US-Dollar ihren Höchststand. Ende Juni 2026 beliefen sie sich noch auf rund 633 Milliarden US-Dollar. Damit steht dem US-Kapitalmarkt aus dieser Quelle deutlich weniger Kapital zur Verfügung.
Auch die Zentralbanken haben ihre Rolle als grosse Käufer von Wertpapieren inzwischen zurückgefahren. Nach der Finanzkrise und während der Corona-Pandemie kauften sie in grossem Umfang Staatsanleihen und andere Wertpapiere. Die aggregierten Bilanzen der grossen Zentralbanken stiegen von rund 10 Billionen US-Dollar im Jahr 2010 auf über 33 Billionen US-Dollar im Jahr 2022. Seither sind sie wieder auf rund 26 Billionen US-Dollar zurückgegangen. Mit dem Abbau der Bilanzen ist die Nachfrage der Zentralbanken nach Wertpapieren zurückgegangen, sodass ein grösserer Teil des Finanzierungsbedarfs von anderen Kapitalmarktteilnehmern gedeckt werden muss.

Kapital wird teurer
Trifft ein steigender Kapitalbedarf auf ein begrenzteres Kapitalangebot, nimmt der Wettbewerb um verfügbare Mittel zu. Das führt in der Regel zu einem höheren Zinsniveau. Besonders deutlich wird dies bei Staatsanleihen. So liegt die Rendite 30-jähriger US-Staatsanleihen derzeit bei rund 5,3 Prozent und damit auf dem höchsten Niveau seit knapp 20 Jahren. Da die Renditen von Staatsanleihen als Referenz für zahlreiche andere Finanzierungen dienen, steigen damit auch die Kapitalkosten in der gesamten Wirtschaft. Dies hat direkte Folgen für Unternehmen, Investitionen und die Bewertung von Vermögenswerten.
Die Schweiz bleibt ein Sonderfall
Die Schweiz kann sich dem globalen Umfeld nicht entziehen, ihre Ausgangslage unterscheidet sich jedoch deutlich. Das gesamtwirtschaftliche Sparangebot ist hoch, während der staatliche Finanzierungsbedarf vergleichsweise gering bleibt. Die Bruttoersparnis lag 2025 bei rund 36,6 Prozent des BIP, gegenüber 24,4 Prozent im Euroraum und 16,8 Prozent in den USA. Gleichzeitig betrug die Schweizer Staatsverschuldung rund 39 Prozent des BIP, gegenüber 87 Prozent im Euroraum und 126 Prozent in den USA. Diese Kombination aus hohem Sparangebot und vergleichsweise geringem staatlichem Finanzierungsbedarf wirkt tendenziell zinsdämpfend. Die geringe Inflation verstärkt diesen Effekt. So lag die Teuerung in der Schweiz im August 2026 bei 0,8 Prozent, während sie im Euroraum bei 3,3 Prozent und in den USA bei 3,4 Prozent lag. Hinzu kommt die Rolle des Frankens als sicherer Hafen, welche die Nachfrage nach Schweizer Anlagen stützt. Die Zinsen in der Schweiz dürften deshalb auch in einem global höheren Zinsumfeld vergleichsweise niedrig bleiben.
Was bedeutet das für Anleger?
Ein höherer Preis für Kapital verändert die Attraktivität verschiedener Anlageklassen. Bei Aktien steigen die Anforderungen an Profitabilität, Bilanzqualität und Kapitaldisziplin. Höhere Diskontsätze belasten insbesondere Unternehmen, deren erwartete Cashflows weit in der Zukunft liegen. Unternehmen mit stabilen Erträgen und soliden Bilanzen gewinnen dadurch an Bedeutung.
Anleihen gewinnen dank höherer Renditen wieder an Bedeutung. Gleichzeitig bleibt das Zinsrisiko bestehen. Steigen die langfristigen Renditen weiter, können insbesondere Anleihen mit langen Laufzeiten an Wert verlieren. Eine sorgfältige Steuerung der Laufzeiten und Kreditrisiken bleibt deshalb wichtig.
Schweizer Immobilienanlagen profitieren vom lokal niedrigen Zinsniveau, dem knappen Wohnraum und der robusten Nachfrage. Die hohen Bewertungen vieler kotierter Immobilienfonds begrenzen jedoch das Kurspotenzial.
Gold bleibt ein wichtiges Diversifikationsinstrument. Zwar sorgen höhere Realzinsen für Gegenwind, doch die hohe Staatsverschuldung, fiskalische Unsicherheit und geopolitische Risiken können die Nachfrage nach dem Edelmetall stützen.
Nach Jahren aussergewöhnlich günstiger Finanzierung gewinnt der Preis des Kapitals wieder an Bedeutung. Für Anleger rücken damit Qualität und Opportunitätskosten wieder stärker in den Vordergrund. Ein Umfeld mit strukturell höheren Zinsen ist dabei nicht zwangsläufig negativ, erfordert jedoch eine selektivere Kapitalallokation und eine breite Diversifikation.
Verfasst von:
Tobias Wagner, Quantitative Investment Analyst, Dreyfus Söhne & Cie AG, Banquiers
Dieser Artikel erschien am 23. Oktober 2026 in der Basler Zeitung.
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